Die Bohenghand

Ein Artikel von Jay Barrs:

Es scheint, als legten die meisten Bogenschützen eine Menge Aufmerksamkeit darauf, wie sie die Sehne lösen und obwohl das Lösen der Sehne wichtig ist, sollte man nicht vergessen dass der letzte Einfluss auf den Pfeil, kurz bevor er den Bogen verlässt, natürlich die Bogenhand ist.
Durch die Verwendung von High Speed­Videokameras und dem dazugehörigen Filmmaterial können wir sehen, was passiert, wenn die Sehne gelöst wird. Beim Lösen beginnt die Sehne sich noch vorne bis zur Spann- oder auch Standhöhe zu bewegen und der Bogen steht ruhig in der Bogenhand. Die Nocke klemmt an der Sehne und der Bogen steht in der Hand, bis die Sehne ihre Spannhöhe erreicht hat und den Pfeil herauskatapultiert. In diesem Moment beginnt der Bogen noch vorne aus der Bogenhand her aus zu springen, bis er von der Fingerschlinge gestoppt wird. Wie man daran sieht, kann jede Verdrehung oder unterschiedlicher Druck der Bogenhand, zwischen dem Lösen der Sehne und der Trennung des Pfeiles von der Sehne, einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Flugbahn des Pfeiles haben. Was macht nun eine gute Bogenhand aus? Wie bei fast allen Dingen, die das Bogenschießen betreffen, gibt es auch hier mehr als eine richtige Antwort. Natürlich sind eine konstante Platzierung am Griff und eine entspannte Haltung der Bogenhand zwei außerordentlich wichtige Elemente. Wenn du deine Hand nicht bei jedem Schuß an genau die gleiche Stelle am Griff aufsetzt, wirst du Probleme haben, gute Gruppen zu schießen. Unterschiede in Handdruck und -Spannung können ebenfalls zu Gruppierungsproblemen führen. Schauen wir uns zuerst einmal die Platzierung der Hand im Griff an. Es gibt bestimmt mindestens genau so viele Arten den Bogen zu greifen, wie es Bogenschützen gibt. Aber alle Topschützen haben eines gemeinsam. Bei jedem Schuß platzieren sie ihre Hand an genau der gleichen Stelle im Griff. Einige Schützen, wie Ed Eliason und Denise Parker sind sogar soweit gegangen und haben sich eine kleine Linie auf den Handrücken, zwischen Daumen und Zeigefinger tätowieren lassen, damit sie einen konstanten Punkt zum Ausrichten der Hand mit dem Griffstück haben. Ich ziehe es zwar vor, meine Hand nach Gefühl auszurichten, aber jedem das Seine. Nun gut, zurück zur Platzierung der Bogenhand. Ich bevorzuge meine Hand so in die »Kehle« des Griffes zu schieben, dass nur der Bereich zwischen der Lebenslinie und dem Daumen den Griff berühren. Meine Knöchel sind dabei etwa im 45° Winkel vom Griff abgespreizt. Dadurch stellst du sicher, dass nicht »zuviel« Hand auf dem Griff aufliegt und so die Fehlerquelle für das Verdrehen des Griffes minimiert wird. Es bringt außerdem deine Hand in eine natürlichere Stellung und erlaubt es, den Ellbogen einfacher noch außen zu drehen. Eine konstante Handplatzierung ist meist einfacher zu erlernen als das Entspannen der Hand. Sobald dein Griff sich komfortabel anfühlt, ist es an der Zeit am Entspannen der Hand zu arbeiten.
Zunächst musst du dafür eine Bogenschlinge, gleich welcher Art, benutzen. (Ich bevorzuge die Cavalier Finger­Schlinge) Denn wenn deine Hand wirklich entspannt ist, dann springt der Bogen nach dem Abschuss heraus. Eine entspannte Bogenhand bei vollem Auszug zu haben, macht also keinen Sinn, wenn du nach dem Abschuss sofort noch dem Bogen schnappen musst. Wie bereits erwähnt, klemmt die Nocke an der Sehne bis die Spannhöhe erreicht ist. Deswegen ist das »Grabschen« nach dem Bogen direkt nach dem Lösen schlimmer, als den Bogen die ganze Zeit durchgehend fest zu greifen. Halte den Bogen vor dich, indem du die Sehne mit der Zughand greifst und dabei den unteren Wurfarm so auf das Bein aufstellst, dass der Griff etwa in Höhe der Hüfte ist Ziehe dabei die Sehne gerade so weit nach hinten, dass das Gewicht des Bogens mit der Zughand gehalten wird. Platziere nun deine Bogenhand im Griff und entspanne sie. Nachdem du merkst, dass deine Bogenhand entspannt ist, kannst du anfangen den Bogen zu heben und den Auszug zu beginnen. Um zu kontrollieren ob deine Hand entspannt ist, kannst du einer Freund oder deinen Coach bitten, den Zeige- oder Mittelfinger kurz anzulupfen. Diese sollten dann biegsam sein und sich leicht bewegen lassen, bevor sie wieder in ihre ursprüngliche Haltung zurückfedern. Wenn deine Hand zwar während des Auszuges entspannt ist, aber sich dann während des Haltens Spannung in der Hand aufbaut und die Hand dabei leicht verkrampft kann das an der Form deines Griffes liegen. Deine Hand rutscht dabei wahrscheinlich im Griff und das verursacht eine Erhöhung der Handspannung und eine leichte Verkrampfung. Mein Griff ist die einzige »Custom« Komponente an meinem Bogen. Na ja ... das ist nicht die ganze Wahrheit, die gelbe Lackierung meines Bogen ist nicht vom Werk aus erhältlich, aber das ist eine andere Geschichte. Mein Griff ist »custom«, also speziell für mich gemacht, weil ich ihn mir zurechtfeile, bis er richtig passt. Die meisten der Top-Schützen bearbeiten ihren Griff auf irgendeine Weise. Unsere Hände sind alle etwas unter schiedlich. Deshalb solltest du einfach mal ein wenig herumexperimentieren. Plastikgriffe sind relativ kostengünstig und reißen deshalb kein riesiges Loch in den Geldbeutel, wenn man beim Experimentieren mal einen Fehler macht. Ich benutze Halbrund und Flachfeilen fürs Grobe und Schleifpapiere mit verschiedener Körnung für den letzten Schliff. Um deinen Griff anzupassen, solltest du damit anfangen die Kehle des Griffes mit einer Halbrundfeile etwas schmaler zu machen. Dabei muss man nicht einmal viel Material wegnehmen um bereits einen erheblichen Unterschied zu fühlen. Aber Vorsicht, man hat das Material an dieser Stelle sehr schnell durchgefeilt. Der Griff, den ich bei den Olympischen Spielen 1988 geschossen habe, hatte Risse an beiden Seiten der Kehle, weil ich mit meiner Feile etwas über das Ziel hinausgeschossen bin. Nachdem du die Kehle soweit hast, dass sie passt, ist es Zeit, sich der Rundung zu widmen, auf der die Handfläche aufliegt. Ich habe die Handflächen-Rundung meines Griffes (das ist die linke Seite für euch Rechtshänder) gerne etwas höher als die Daumenseite. Das stellt sicher, dass meine Hand im Griff stehen bleibt, anstatt herauszurutschen. Die meisten Kunststoffgriffe haben eine Gussnaht genau in der Mitte. Diese nehme ich dann als Richtlinie und beginne die Daumenseite (die rechte Seite für Rechtshänder und die linke Seite für uns Linkshänder) des Griffes herunterzufeilen. Ich feile meinen Griff, so dass im Bereich der Handfläche eine Rundung anstatt einer flachen Fläche entsteht. Das ist natürlich meine persönliche Vorliebe, aber ich glaube, dass ein abgerundeter Griff schwerer zu verdrehen ist und sich leichter in der Hand zentriert. Nachdem ich den Griff in Form gefeilt habe, beginne ich mit grobem Schleifpapier (etwa 60-er Körnung) die Flächen zu glätten und bearbeite den Griff mit immer feinerem Schleifpapier, bis er fast so glatt wie frisch aus der Presse ist. Aber auch hier ist dies meine persönliche Vorliebe. Ein glatter Griff ist schwer zu verdrehen und findet seine eigene Mitte in meiner Hand. Es kann einige Zeit dauern, bis sich der Griff genau richtig anfühlt. John Williams, olympischer Sieger von 1972, rieb zur Kontrolle seiner Schleifarbeit den Griff mit Speiseöl ein und zog dann seinen Bogen aus. Wenn dabei seine Hand auf die Seite rutschte, bearbeitete er seinen Griff noch etwas mehr. Diese Prozedur wiederholte er so lange, bis seine Hand entspannt in der Mitte des Griffes stehen blieb. Es ist wichtig zu wissen, wenn du diese Methode ausprobierst, dass die Hand etwas weiter in der Kehle nach oben rutscht. Das ist vollkommen normal. Es ist das seitliche Verrutschen der Hand, das du korrigieren solltest. Ich nehme für diese Methode lieber Wasser. Es macht den Griff fast genauso rutschig, ist aber viel einfacher wieder zu entfernen. Natürlich ist mir klar, dass das Schießen mit einem glatten Griff genau das Gegenteil von dem ist, was die Koreaner machen. Die wickeln nämlich Tennisschläger-Griffband um den Griff, um ihn rau zu machen. Offensichtlich funktioniert dies sehr gut für die koreanischen Schützen und bestätigt mich wieder einmal in meiner Meinung über unseren Sport. Es gibt immer mehr als eine Art etwas zu tun und du musst nur die für dich Richtige herausfinden.
Ob du nun einen glatten oder rauen, einen flachen oder gerundeten Griff bevorzugst, denke immer daran, dass das Wichtigste dabei eine entspannte Bogenhand ist. Also schnapp' dir Feilen und Schleifpapier und nimm's in Angriff.