Ein Artikel von Falk Thiele:
Die richtige Einstellung beim Bogenschiessen
Tipp für Trainer:
Gebt dem Schützen Mut und Freude, nicht Druck und Last. Im nachfolgenden befasst
sich der Bundestrainer Compound, Falk Thiele mit der richtigen Einstellung zum
Bogenschiessen. Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg. Der Coach gibt
dabei sowohl Tipps für Schützen, als auch für Trainer.
Zunächst sollten wir uns erst einmal klarmachen, woher wir kommen. Geht man von
der Mehrzahl der Bogenschützen in Deutschland aus, so sind sie die reinsten
Autodidakten und haben ihr Können vom Abgucken and Lesen. Dies war für mich auch
ein Grund, für Euch zu schreiben, um die Teillernmethode an den Mann/ die Frau
zu bringen. Egal wie, irgendwann erreichen sowohl die Top - Ausgebildeten als
auch die Autodidakten den Weg zur Meisterschaft, welche, ist nun erst mal egal.
Nun beginnt für viele der Stress. Sowohl für den Trainer, als auch für den
Schützen. Denn beide möchten gern etwas erreichen und auf der ach so
"wichtigen" Meisterschaft nicht versagen. Bevor man zu einer Meisterschaft
fährt, sollte man sich erst einmal klarmachen, wo man leistungsmässig steht.
Hier gibt es nämlich ein ganz tolles Phänomen bei Bogenschützen zu beobachten.
Im Gegensatz zu messbaren Sportarten wie z.B. Stabhochsprung, sind wir oft
geneigt, uns selbst zu überschätzen. Ein Beispiel: Wenn ein Stabhochspringer im
Training 4,80 Meter springen kann, so wird er niemals geneigt sein, im Wettkampf
die Stange auf sechs Meter zu legen. Denn ausser Beulen am Kopf und Frust in
der Seele, würde es zu nichts führen.
Wir Bogenschützen sind da schon flexibler und legen für uns die Messlatte
manchmal viel zu hoch. Nun gibt es zwar bei uns keine Beulen, jedoch auf diese
Weise sehr viel Frust. Der Schütze, der sich real an seiner Leistung misst,
versucht im Wettkampf das gleiche Ergebnis zu erzielen und ist so schon ein
gutes Stück vom Frust entfernt. Oftmals messen wir uns an den Besten, ist ja
auch O.K. um ein Ziel zu haben. Es ist unnötig, sich aufzuregen, wenn man das
Ergebnis des Besten nicht erreicht, weiss man doch ganz genau, dass man selbst
im Training weit davon entfernt ist. Also merke: Reale Selbsteinschätzung
der Leistung ist äusserst wichtig, um unnötigen Leistungsfrust zu vermeiden. Nun
kann es jedoch so sein, dass wir von der Leistung her so gut sind, dass wir
durchaus mit den Besten mithalten könnten, wenn wir es doch nur im Wettkampf
endlich mal umsetzen könnten. Ich glaube, dass meine Nationalmannschaft
sicherlich dazu gehört. Wie machen wir es also, die Leistung vom Training im
Wettkampf zu reproduzieren?
Nun, erst Mal ist es wichtig, für sich als Mensch herauszufinden, wofür man
diese Sportart betreibt und warum man damit begonnen hat. Genau, weil es Spass
gemacht hat! Nur oftmals hat man das Gefühl, dass viele den Spass verloren
haben. Aber warum? Nun, viele haben im Wettkampf so grosse Angst, dass sie kaum
noch klar denken können. Dabei verkrampfen sie so sehr, dass ein geschmeidiger
Schuss wie im Training gar nicht möglich ist. Ihr kennt das sicherlich, wenn man
Bogenschützen auf einem Turnier anspricht und sagt: Na wie ist es denn
gelaufen?
Dann holt man sehr oft folgende Antwort: Na ja, die Probepfeile waren echt
super, aber in den ersten Wertungspassen lief erst Mal gar nichts. Dann ab der
vierten Passe lief es wieder, aber da war es eh vorbei. Was ist diesem Menschen
passiert? Ganz klar, die Probepassen ging er ganz locker an. Sie zählen ja
nicht. Dann kam die Wertungspasse, die zählt bekanntlich ja. So, nun muss man
sich ja richtig anstrengen, damit es klappt. Und siehe da, es klappt gar nichts.
Warum, ist auch jeden klar. Durch den selbst gemachten Leistungsdruck hat der
Körper soviel Adrenalin ausgeschüttet, dass man es fast "riechen" konnte. Dabei
hat man so schlecht geschossen, dass man mit dem Turnierausgang eigentlich
nichts mehr zutun hat. Als es dann gelaufen war und man so viele Ringe verloren
hatte, dass ein Gewinnen schon unmöglich war, wurde man wieder locker. Getreu
dem Motto, es ist ja eh gelaufen, schoss man wieder so locker wie zu Hause, nur
leider zu spät.
Nun müssen wir das Problem irgendwie lösen. Meine Mannschaft kann es ja auch. Wo
liegt der Trick, werden sich jetzt viele fragen? Es gibt keinen Trick, sondern
nur den gesunden Menschenverstand. Wenn wir doch Bogenschiessen begonnen haben
weil es uns Spass machte, so sollte man diesen Spass weiter leben. Nach der
persönlichen Selbsteinschätzung folgt die richtige Einstellung zu dem Sport und
zu dem Tun an der Schiesslinie. Man muss verstehen, dass es gar keine
Trainingspfeile, Probepfeile oder Wettkampfpfeile gibt. Denn in diesen drei
Wörtern liegt schon eine geistige Wertung, Training = Locker, Probe = Lockerund
Wettkampf = besonders gut. Ihr solltet also damit anfangen, Euren Ehrgeiz auf
das Wichtige zu lenken, nämlich dass es nur einen Schuss gibt. Es gibt keine
Passe oder Durchgang, nur den einen Schuss. Es ist wahrlich schon schwer genug,
einen Schuss ordentlich auszuführen. Wer versucht, sich auf eine Passe zu
konzentrieren, wer rechnet oder kalkuliert oder wer versucht, einen anderen zu
schlagen, der verliert ein hohes Mass an Konzentration für das Wichtige, den
einen Schuss.
Als nächstes solltet Ihr Euch mal fragen, wofür Ihr Euch aufregt und wovor man
Angst hat. Erstens verdienen die meisten kein Geld mit Bogenschiessen. Leider
sind wir nicht so sehr gefragt wie die Tennisstars.
Zweitens, steht Ihr nicht im Mittelpunkt der Tagespresse. Beispiele: Meine
ehemalige Frau wurde Vize-Weltmeisterin und war lange Weltranglistenerste, mein
Sohn wurde Vize-Europameister,
meine Mannschaften haben unzählige Grand Prix gewonnen, Welt- und Europarekorde
geschossen, sind Vizeweltmeister, Europameister und vieles mehr gewonnen, doch
eins blieb immer gleich, alle hatten anschliessend das gleiche Haus und das
gleiche Auto, also wirtschaftlich hat sich nichts geändert. Und selbst Schützen,
die letzte wurden, hat man nicht hoffentlich angeklagt. Also, wovor haben wir
Angst? Vergiss Deine Ängste und habe wieder Spass am Schiessen. Gehe von Schuss
zu Schuss und sei Dir bewusst, dass Dein Tun nur für Dich ist. Wir schiessen
nicht für andere. In meiner Nationalmannschaft haben wir sogar einen Leitspruch
der Bogenschützen geändert. Ihr kennt ihn, seitdem Ihr angefangen habt zu
schiessen. Wir sagen vor dem Wettkampf nicht mehr "Alle ins Gold", sondern
wünschen uns viel Spass. Dies sage ich mit Stolz, denn wir machen es auch nur
aus diesem Grunde.
Nun möchte ich mich mal an die Trainerkollegen wenden. Wie Ihr sicherlich wisst,
darf man gemäss FITA-Regel an der Schiesslinie coachen. Doch warum darf man das
den auf einmal? Nun - sicherlich ist es für einen Sportler sehr wichtig, im
Wettkampf unterstützt zu werden. Coachen heisst aber nicht, durchs Fernglas
schauen und die Ringzahl ansagen. Coachen bedeutet helfen. Helfen kann ich aber
nur, wenn ich im Wettkampf mit meinen Schützen den gesamten Weg gehe. Ich muss
versuchen, ihm im Wettkampf den Stress zu nehmen. Sprüche wie: Gibt Dir mal Mühe
- ich kann das Elend nicht mehr sehen - der andere hat Dich bald - so wird es
nie was mit dem Kaderplatz, sind nicht nur wenig hilfreich, sondern belasten den
Schützen nur noch mehr. Glaubt Ihr denn im Ernst, dass ein Schütze auf einen
Wettkampf fährt, um den Trainer zu ärgern, indem er absichtlich schlecht
schiesst? Glaubt Ihr das? Nein, ganz im Gegenteil, die Anspannung ist meist so
gross und die eigene Last so hoch, dass der Trainer den Druck nehmen muss. Nur
wie? Nun, ich mache es meist so, dass ich meinen Schützen im Wettkampf suggestiv
erzähle, was sie
machen sollen ( auf Neudeutsch, eine CD ins Ohr lege). Das fängt damit an, dass
ich ihnen sage, woher der Wind kommt, kurz bevor sie in den Anker gehen, denn
oftmals hat der Wind beim Vollzug gedreht. Wenn man natürlich als Trainer beim
Vollzug anfängt, durch das Fernglas zu schauen, wird einem dies sicherlich nicht
auffallen. Im Anker versuche ich Ruhe einzubringen, indem ich zum Beispiel sage:
So, schön ruhig Rückenspannung aufbauen, Gold halten, bleib mutig, sieht gut
aus. Beim Lösen sage ich dann oft: Spannung halten, Arm stehen lassen, sehr gut.
Das ganze mit ruhiger Stimme. Den Schützen wachsam beobachten, denn nur so kann
ich auch qualifizierte Bemerkungen zum Schuss machen. Sprecht niemals von
Plazierung, Ringen oder Medaillen, das bringt keinen weiter und die Schützen
wissen schon selbst, wie wichtig es ist. Aber die sollen ja von Schuss zu Schuss
vorgehen und nicht an so etwas Unnötiges denken. An Medaillen und Plazierungen
kann man nach dem Wettkampf denken, wenn man analysiert hat, ob man dem Anspruch
Spass gehabt zu haben, von Schuss zu Schuss gegangen zu sein und eine gesunde
Selbsteinschätzung gezeigt zu haben nachgekommen ist. Als Trainer sollte man
sich auch immer hinter die stellen, die einen am nötigsten haben. Ich muss
innerhalb meiner Mannschaft auch eine Entscheidung treffen, hinter wem ich mich
plaziere. Natürlich nehme ich immer den Schwächsten, denn der braucht mich
jetzt. Dem Besseren sage ich folgendes: "Du kommst sicher ohne mich klar, du
schaffst das, denke an deine Technik und habe viel Spass, ich komme dann
anschliessend rüber und sei dir gewiss, ein Auge ist immer bei dir." Gebt dem
Schützen Mut und Freude, nicht Druck und Last, damit kann keiner klarkommen.
Als Letztes sollten sich manche auch daran erinnern, was man
bei der C-Trainer-Ausbildung schon gelernt hat. Die lohnende Pause. Bei einem
Schützen der zwei - bis dreimal die Woche trainiert, ist es total falsch, noch
einen Tag vor dem Wettkampf zu trainieren oder sogar noch am Tage des
Wettkampfes vor der Abfahrt. Die Schützen brauchen vorm Wettkampf eine
Ruhephase, damit die Muskeln wieder Kraft tanken können. Nur ausgeruhte Krieger
gewinnen die Schlacht, das wussten schon die Römer und die hatten kein
Wissen über Biochemie. Den Schützen hilft es sicherlich, wenn man ihm einige
Tage vorher zu verstehen gibt, dass er sich gut gemacht hat und wir kein
Training mehr nötig haben. "Ruh dich aus und mach die Tage mal was anderes",
heisst da das Motto. Ich beende das letzte Training immer dann, wenn ein Schutze
eine schöne Passe geschossen hat, schön vom Ergebnis und der Technik. Manchmal
geschieht
dies schon nach zwei bis drei Passen. Das gibt dem Schützen Mut und er geht mit
einem guten Gefühl vom Platz. Der Trainer, der meint, er müsse den Schützen
noch einen Tag vorher oder noch am gleichen Tag schiessen / trainieren lassen,
der schafft nur für sich ein persönliches Schutzschild. Getreu dem Motto, wenn
du im Wettkampf versagst, kann es nicht an meinem Training liegen, denn wir
haben bis zur letzten Minute trainiert. Diese Trainingslehre ist mir fremd und
steht meines Wissens nirgendwo geschrieben. Ja, auch als
Trainier braucht man Mut und Spass zum Tun.
Also, dass Erfolgsgeheimnis lautet, mit Spass, Freude und einer gesunden Selbsteinschätzung den Sport angehen.