Trainingstipp

Von Perry Ratcliff

Bergauf- /Bergabschüsse

Eines der meist diskutierten Themen im Bogensport ist wohl die Einstellung des Visiers für das Bergauf/Bergab-Schießen. Die gängigste Regel für die Visiereinstellung ist das Einstellen der Zielentfernung anhand der Entfernung auf der horizontalen Grundlinie. Wenn man also beispielsweise einen 60-Yard-Bergauf/Bergab-Schuss in einem 20-Grad-Winkel abgibt, wäre das Visier auf 56,4 [cos(20°) x 60-56,4] Yards einzustellen. Unabhängig davon, ob der Schuss bergauf oder bergab ausgeführt wird. Obwohl das Ausrechnen bzw. Abschätzen von Winkeln auf dem Parcours ohnehin schon schwer genug ist, kann diese Methode nicht in allen Situationen angewendet werden.
Um zu verstehen, wie man das Visier einzustellen hat, muss man vorher wissen, welche Faktoren man bei Bergauf/Bergab­Schüssen zu kompensieren hat. Wir alle wissen, dass bei zunehmender Entfernung zur Scheibe das Visier nach unten gedreht werden muss, um den Pfeilfall aufgrund der Gravitation auf dieser Strecke zu kompensieren. Aber man justiert nicht nur den Pfeilfall, sondern auch die Parallaxen-Abweichung.


Parallaxen-Abweichung
Wenn man mit dem Bogen zielt, ist das Auge für gewöhnlich nicht direkt in Höhe der Nocke oder des Pfeilschaftes (Abb. 1 ) 


Das Zielauge ist normalerweise mehrere Zentimeter über dem Pfeilschaft und erzeugt damit einen Versatz des Visiers, die sogenannte Parallaxen-Abweichung. Diese variiert in Abhängigkeit von der Entfernung zum Ziel. In den Abbildungen 1 und 2 zeigt der Pfeil direkt auf das Ziel. Das Visier ist bei beiden Abbildungen ebenfalls genau auf das Ziel ausgerichtet. Man kann sehen, dass das Visier bei der langen Entfernung zum Ziel relativ hoch und bei der kurzen Entfernung relativ tief eingestellt ist. Diese Einstellungen der Parallaxen-Abweichung sind allerdings genau gegensätzlich zu den Visiereinstellungen, die den Pfeilfall kompensieren. Auf Entfernungen über 20 Yards verändert sich die Parallaxen-Abweichung nur wenig und ist deshalb auch kaum zu bemerken. Bei Entfernungen unterhalb 15 Yards verändert sie sich allerdings rapide. Man kann diesen Effekt sehen, wenn man sehr nahe zur Scheibe (näher als 15 Yards) steht und sein Visier rückwärts", also sehr weit nach unten schieben muss, um die Mitte zu treffen. Um ein Ziel in 2 Yards Entfernung zu treffen ist es nicht unüblich das Visier auf 60 bis 70 Yards einzustellen. Dieses Phänomen ist ausschließlich auf die Parallaxen-Abweichung zurückzuführen. Die Größe der Parallaxen-Abweichung für eine gegebene Entfernung ist abhängig vom Abstand des Auges zum Pfeilschaft und vom Abstand des Auges zur Optik des Schiebevisiers, bzw. zum Visierpin. Die Pfeilgeschwindigkeit hat damit nichts zu tun. Ein Gewehr, das ja sehr viel schneller als ein Bogen schießt, hätte das gleiche Phänomen bei der Visiereinstellung, wenn die Kimme, also die hintere Visiereinrichtung, acht bis zwölf Zentimeter über dem Gewehrlauf liegen würde. 

Pfeilfall
Die Abbildungen 3 und 4 zeigen die Visiereinstellung, wenn das zielende Auge direkt in Höhe des Pfeilschaftes, 
also ohne Parallaxen-Abweichung, wäre. 

Bei einem nahen Ziel ist das Visier relativ hoch und bei einem weiten Ziel ist das Visier relativ tief eingestellt. Wie bereits oben beschrieben, ist dies genau gegensätzlich zur Einstellung der Parallaxen-Abweichung.



Visiereinstellung
Mit der Visiereinstellung kompensiert man beides: den Pfeilfall und die Parallaxen-Abweichung für die Entfernung, die man gerade schießen möchte. Warum verwenden wir hier jetzt eigentlich so viel Zeit darauf, Pfeilfall und Parallaxen­Abweichung zu erklären, wenn das Thema die Visiereinstellung bei Bergauf­/Bergab-Schüssen ist? Weil die allgemeine Regel, das Visier anhand der horizontalen Grundlinie einzustellen, nicht gleichermaßen akkurat, für Parallaxen­Abweichung und Pfeilfall zusammen, funktioniert. Die Einstellung des Pfeilfalles für die horizontale Grundlinie ist eine recht genaue Möglichkeit zur Kompensation bei Bergauf-/Bergab-Schüssen. Die Einstellungen zur Parallaxen­Abweichung sind aber direkt abhängig von der schrägen, gemessenen Entfernung zum Ziel.
Leider wissen wir jedoch nicht, welcher Anteil der Visiereinstellung für den Pfeilfall und welcher für die Parallaxen-Abweichung erforderlich ist. Glücklicherweise verändert sich die Parallaxen­Abweichung bei Entfernungen über 20 Yards nur wenig und kann somit für die Visiereinstellung bei Bergauf-/Bergab-Schüssen generell vernachlässigt werden. Wie bereits erwähnt, verändert sich die Parallaxen-Abweichung gravierend nur bei Entfernungen unterhalb von 15 Yards und diese rasante Änderung bedeutet für den Schützen, der den Bergauf/Bergab-Schuss nur mit der Einstellung über die horizontale Grundlinie kompensiert, dass er fast immer die Scheibenmitte hoch verfehlt. Es gibt nur zwei gute Möglichkeiten die richtige Visiereinstellung zur Kompensation der Bergauf-/Bergab-Schüsse zu finden. Die eine ist, möglichst oft diese steilen Schüsse in unbekanntem Terrain zu trainieren, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Die zweite ist die Verwendung eines Neigungs- oder Winkelmessers und der "AAPalm"-Software. Der "Archer's Advantage Taschen Computer" weiß immer, welcher Anteil der Visiereinstellung für den Pfeilfall und welcher für die Parallaxen-Abweichung erforderlich ist. Diese Information, zusammen mit dem gemessenen Neigungswinkel, lassen die "AAPalm"Software genau die richtige Visiereinstellung für jede Entfernung und jede Schräge eines Bergauf-/Bergab-Zieles errechnen.


Fehler des Schützen
Es ist sehr wichtig, bei Bergauf-/Bergab­Schüssen seine Auszugs-Haltung oder ­form beizubehalten. Es gibt ein paar verschiedene, aber recht verbreitete Haltungsfehler, welche einen großen Einfluss auf die Trefferlage und Gruppierung haben. Das meist verbreitete Problem ist das ins Ziel bringen des Bogens nur durch heben und senken des Bogenarmes, während die Schulter allerdings in der Waagerechten bleibt. Dadurch verändert sich der Auszug und das Zielbild. Aus diesem Grund ist es unbedingt erforderlich, den gesamten Oberkörper in der Hüfte nach oben oder unten abzuknicken. Denn nur dadurch verändert sich die Auszugslänge und -haltung nicht. Viele Schützen verändern beim Bergauf­/Bergab-Schießen den Druck und den Druckpunkt auf den Griff, durch ein Abkippen der Bogenhand nach oben oder unten. Auch dies führt zu unerwarteten Trefferlagen und schlechten Gruppierungen


Zusätzliche Details
Die oben aufgeführten Ausführungen reichen wahrscheinlich aus, um die Fragen der meisten Bogenschützen bezüglich der Visiereinstellungen beim Bergauf­/Bergab-Schießen zu beantworten. Die nachfolgenden Ausführungen sind für die technisch interessierteren Schützen, die sich gerne einen tieferen Einblick in die Prinzipien des Bergauf-/Bergab Schießens wünschen. Während die Berechnungen auf den ersten Blick abschreckend wirken, sind die Grundprinzipien nicht allzu schwer zu begreifen und erfordern auch keine fortgeschrittenen mathematischen Fähigkeiten. Wie man bereits bemerkt hat, gibt es bei den oben aufgeführten Grundausführungen keinen Bezug zur Pfeilgeschwindigkeit. Der Einfluss der Pfeilgeschwindigkeit auf die Einstellung des Visiers wird in den nachfolgenden Abschnitten erklärt:


Horizontale Pfeilgeschwindigkeit
Wenn ein Pfeil mit einer Geschwindigkeit von 250 Fuß pro Sekunde (fps) gemessen wird bedeutet dies allerdings nicht, dass er auch mit dieser Geschwindigkeit in Richtung Scheibe fliegt. 
In Abbildung 5 wird dies graphisch dargestellt.



Wenn man das Visier nach unten verstellt, um damit den Pfeilfall zu kompensieren, zeigt der Pfeil über das Ziel. Bei Abbildung 5 ist dies 10° über das Ziel. Das bedeutet aber, dass der Pfeil mit 250 fps auf einer Linie, die 10° über das Ziel zeigt, unterwegs ist (Fall-Winkel) und sich deshalb nicht mit 250 fps auf die Scheibe zu bewegen kann. Die horizontale Pfeilgeschwindigkeit kann folgendermaßen berechnet werden:


Pfeilgeschwindigkeit * cos(Fallwinkel) = horizontale Pfeilgeschwindigkeit-250 * cos(10)= 246,2 fps

Bei einem ebenen Schuss ist die horizontale Pfeilgeschwindigkeit immer etwas geringer, als die mit dem Chronograph gemessene Geschwindigkeit, weil man den Pfeilfall auf dem Weg zum Ziel kompensieren muss und deshalb der Pfeil oberhalb der direkten horizontalen Linie zum Ziel zeigt (Abb. 5)

Wer mir bis dahin folgen konnte, sollte auch mit dem Folgenden keine Verständnisprobleme haben. Abbildung 6 zeigt einen Schützen, der die gleiche Entfernung schießt wie in Abb. 5, aber das Ziel steht diesmal l0° bergauf. Die Visiereinstellung lassen wir gleich, weil bei gleicher Entfernung auch der Fallwinkel ( 1O°) gleich bleibt. 

 

Allerdings zeigt der Pfeil in diesem Fall 20° über die Horizontale (Abschusswinkel), weil das Ziel auf einer Schräge mit 10° steht und der Fallwinkel 10° beträgt. Die horizontale Pfeilgeschwindigkeit berechnet sich dabei folgendermaßen:


Pfeilgeschwindigkeit x cos(Abschußwinkel) = horizontale Pfeilgeschwindigkeit-250 x cos(20) = 234,9 fps.


Der Pfeil verliert dabei 11 fps in Relation zu einem ebenen Schuss. Schauen wir uns nun mal das Ganze für einen 10° Bergab-Schuss an, wie dies in Abb. 7 dargestellt ist. 

 

 


Die Visiereinstellung wurde nicht verändert. Deshalb beträgt der Fallwinkel weiterhin 10°. Da das Ziel 10° bergab steht, befindet sich der Pfeil diesmal mit einem Abschusswinkel von 0° direkt auf der Horizontalen. Dadurch ist die Pfeilgeschwindigkeit 250 fps und damit fast 4 fps schneller als bei einem ebenen Schuss. Der Pfeil legt sowohl zum Ziel, das 10° bergab als auch zum Ziel, das 10° bergauf steht, die gleiche Strecke zurück. Dabei ist die horizontale Pfeilgeschwindigkeit bei Bergab­Schüssen immer größer als bei Bergauf­Schüssen. Das bedeutet, dass ein Pfeil für eine Entfernung bergauf immer länger braucht, als für die gleiche Entfernung bergab.
Durch diesen Unterschied in der horizontalen Pfeilgeschwindigkeit bei Bergauf-/Bergab-Schüssen ist es notwendig bei der Visiereinstellung anhand der Zielentfernung auf der horizontale Grundlinie bei einem Bergauf-Schuss etwas Entfernung zuzugeben und bei einem Bergab-Schuss etwas abzuziehen. Diese Tatsache wirft eine häufig diskutierte Frage auf: Gibt es Situationen, in denen man bergauf am Visier mehr als die tatsächliche Entfernung zum Ziel einstellen muss? 

Die Antwort auf diese Frage besteht aus zwei Teilen:

Durch die starke Parallaxen-Abweichung muss man, wie bereits oben erläutert, generell bei Entfernungen unter 15 Yards eine größere Entfernung, als die tatsächliche am Visier einstellen für Entfernungen über 15 Yards gibt es eigentlich nur eine Situation, bei der man eine größere Entfernung einstellen muss.


Folgende Gegebenheiten können dazu führen:


Als Beispiel kann man dazu anführen:


Sogar bei diesem extremen Beispiel kann man sehen, dass man lediglich einen dreiviertel Yard zur tatsächlichen Entfernung dazu addieren muss. Wenn man dieses Beispiel mit einem durchschnittlichen Speed-Bogen durchrechnet, ergibt sich folgender Wert:

Warum muss man für einen langsameren Bogen eine größere Entfernung einstellen, als bei einem schnellen Bogen? Weil man mit einem langsameren Bogen, wegen des größeren Fallwinkels höher anhalten muss, um den Pfeilfall zu kompensieren. Je größer der Fallwinkel, desto mehr Geschwindigkeit verliert man bei Bergauf-Schüssen, wie die vorher aufgeführten Berechnungen zeigen.
Die "AAPalm-Software" bezieht bei der Berechnung der Visiereinstellung alle diese Faktoren mit ein. Ohne dieses Werkzeug kann man sich nur durch gezieltes Training auf einem anspruchsvollen Parcours mit vielen Bergauf-/Bergab­Schüssen für die Herausforderungen eines Wettkampfes vorbereiten.