Mit Kaufen allein ist es nicht getan

Das Zusammenspiel von Material und Psyche

Von George Tekmitchov

Jeder, der lange genug im Bogensport aktiv ist, hat es sicher im Laufe der Zeit schon erlebt. Du siehst eine Werbeanzeige für ein wirklich cooles, glänzendes Zubehörteil und weisst sofort, dass du dieses Teil unbedingt haben musst. Und wenn du dann freudestrahlend das Geschäft verlässt, hast du es in der Hand, das ultimative Teil, das dir zwar den Inhalt deines Geldbeutels deutlich reduziert hat, aber dir beim nächsten Turnier mindestens 100 Ringe mehr bringen wird. Und das Schlimme daran ist, dass dieses coole Teil in der ersten Zeit wirklich deine Ringzahl verbessert, aber natürlich nur dann, wenn du wirklich an dieses Teil glaubst. Viele Schützen nennen diesen Effekt das "Honeymoon-Syndrom". Das Problem ist nur, dass die Verbesserungen sehr schnell wieder nachlassen und man wieder da ist, wo man war, bevor man dieses coole Teil angebaut hat, oder manchmal sogar schlechter ist als zuvor. Aber manchmal erwischt man auch ein Teil, bei dem die Verbesserung nicht nachlässt und dieses Teil hilft einem dann seine Leistung langfristig zu verbessern. Wie kann man so etwas abschätzen?

Wie kann man ziemlich sicher feststellen, ob ein neues Material die Leistung des Schützen erhöhen kann oder nicht? Vor allem sollte man folgenden Punkt beachten:

Da neue Ausrüstung fast immer für "kurze Zeit" die Leistung "erhöhen" kann, zeigt uns, dass es ein Zusammenspiel von Material und Psyche gibt. Neues Material kann in der Lage sein, einem mehr Selbstvertrauen zu geben. Vor allem dann, wenn das grosse sportliche Vorbild das gleiche Material benutzt. Dieses mentale Zusammenspiel kann also für einen Schützen arbeiten. Aber es kann genau so gut gegen den Schützen arbeiten, wenn z.B. beim Turnier die ersten Schwierigkeiten auftauchen und man dann an der Materialwahl zweifelt. Die nachfolgenden Auswahlverfahren sind wichtige Schritte zur Festigung dieses Vertrauens in die Materialwahl. Wer neues Material nach dieser Methode testet und dabei feststellt, dass es langfristig Verbesserungen bringt, der wird auch in der Hitze des Wettbewerbs nicht an seiner Wahl zweifeln.

Für die Auswahlverfahren, die ich anschliessend beschreibe, gibt es keine zeitsparende Kurzversion. Man braucht dafür genügend Zeit und Ausdauer. Aber am Ende weiss man, ob der neue Stabi oder der magnetgedämpfte Button den Weg zur angestrebten Ringzahl unterstützt oder eher erschwert. Hier sind einige hilfreiche Regeln, um Material und Ausrüstung auszutesten.

 

Die fünf Regeln zur Materialauswahl.

Regel 1:  Ändere jeweils nur eine Variable.

Das ist die wichtigste Regel. Das bedeutet, dass du nicht die Sehne, die Spannhöhe und den Stabi änderst, wenn du einen neuen Button ausprobierst. Du solltest auch nichts an deiner Form ändern, wenn du neue Wurfarme testest. Aber manchmal muss man doch mehr als eine Variable ändern. Wenn man von z.B. von einem Aluminiumpfeil auf Carbon umstellen will, muss man auch den Button verstellen, damit der "Centershot" wieder passt. In diesen Fällen solltest du unbedingt die nächste Regel genau beachten.

 

Regel 2: Notiere alle Änderungen

Da es nicht immer möglich ist, Regel 1 zu befolgen, ist es notwendig, sich Notizen zu machen. Schreibe sämtliche Änderung auf, denn nach einigen Wochen weisst du nicht mehr genau, welche Einstellungen du um welchen Betrag verändert hast und dann können dir die Notizen sehr viel Zeit und Ärger ersparen. Hast du nur den Centershot verändert oder auch den Buttondruck? Hast du den Klicker verstellt? Den Tiller oder nur den Nockpunkt? Nach einiger Zeit verschwimmt Fakt und Gefühl bzw. Erinnerung und dann helfen dir wirklich nur deine Notizen weiter.

 

Regel 3: Trefferlagen-Aufzeichnungen lügen nicht

Zeichne die Trefferlagen deiner Pfeile auf, um den Effekt deines Testens schwarz auf weiss zu sehen. Die Aufzeichnung der Trefferlagen sind ein wichtiges Werkzeug, wenn du harte Fakten haben willst. Egal, ob du die Trefferlagen auf ein Stück Papier auf malst oder modernste Technik, wie ein Palm Pilot oder eine spezielle Software benutzt, mache dir Aufzeichnungen. Verlasse dich nicht auf dein Gedächtnis oder dein Gefühl.

 

Regel 4: Plane im Voraus

Gute Planung hilft Materialprobleme zu vermeiden. Erstelle einen Test-Ablaufplan für das, was du testen möchtest. Wenn du im Voraus planst, wirst du viel effektiver sein. Erstelle einen Ablaufplan und halte dich daran.

 

Regel 5: Messe veränderliche Grössen vor und nach dem Test

Es sieht aus, als ob der neue Button deine Pfeilgruppierung verbessert. Aber hast du vor dem Test die Standhöhe gemessen? Vielleicht hat sich die Sehne gedehnt. Was hat denn nun die Gruppierung verbessert? Die flachere, bessere Standhöhe oder der neue Button? Deshalb immer messen und an Regel 1 denken.

Nachfolgend ist ein Beispiel, wie diese Regeln im "richtigen" Leben angewendet werden können. Angenommen ein Schütze möchte gern testen, ob 100 grains schwere Spitzen eine Verbesserung in der Pfeilgruppierung, im Vergleich zu den bisher verwendeten 80 grains Spitzen, bewirken können. Klingt doch recht einfach. Aber wir werden sehen, wie schnell dieser auf den ersten Blick einfach aussehende Test doch recht kompliziert werden kann. Der erste Schritt ist es, einen Ablaufplan des Tests zu erstellen und zu sehen, was für diesen Test notwendig ist. Bevor man allerdings einen Plan erstellt, sollte man sich Gedanken machen, was man alles testen will und auf welche Besonderheiten man dabei achten muss. Bei dem vorgegebenen Beispiel wissen wir, dass eine Änderung des Spitzengewichts auch eine Änderung des Tunings zur Folge hat. (Wer dies nicht weiss, der sollte am Besten nichts an seinem Bogen verstellen.) Da wir Regel 1 beachten sollen, müssen wir erst mal herausfinden, welchen Effekt die 100 grains Spitze auf die derzeitige Einstellung des Bogens hat. Mit einem Rohschafttest ist dies recht einfach möglich. Dann sollten wir uns einen Weg überlegen, mit dem wir feststellen können, ob die schwerere Spitze unsere Leistung verbessern kann. Ringzahl und die Grösse der Pfeil-Gruppe wären hier die entscheidenden Faktoren. Diese kann man dann mit denen vergleichen, die man mit der alten 80 grains Spitze geschossen hat. Für diesen Vergleich braucht man also eine aussagekräftige "Kontroll-Gruppe" mit den Original-Pfeilen. So 100 Schuss sollten dafür ausreichen. Dann brauchen wir noch 100 Schuss für die "Test-Gruppe". Das wären dann 200 Schuss für einen direkten Vergleich. Aber was ist im Wind und bei Regen? Das wären dann weitere 400 Schuss, also 600 insgesamt. Das sieht zwar nach vielen Schüssen für unseren Test aus, aber diese Anzahl ist schon nötig, um festzustellen, welches Spitzengewicht sich unter allen Bedingungen am besten bewährt. Mit diesen Hintergrundgedanken schreiben wir jetzt den Test-Ablaufplan:

Normalerweise kommt jetzt immer die gleiche Frage: "Aber George, was passiert, wenn ich müde werde und ich die zweiten 100 Pfeile nicht genau so gut geschossen habe, wie die ersten 100?" Das ist dann aber, wie schon angesprochen, ein erheblicher Teil der Planung. Wenn du Guy Krueger, Butch Johnson oder Wietse Van Alten bist, dann machen dir 200 bis 300 Pfeile am Stück nichts aus. Aber vielleicht bist du nicht in der gleichen Form, wie diese Schützen, was dann? Dann musst du einfach vier oder fünf verschiedene Durchgänge einplanen, um all diese Pfeile zu schiessen. Plane im voraus und kenne deine Grenzen. So, jetzt haben wir 200 Schüsse und können die Ringe und die Gruppengrafik vergleichen. Vielleicht ist die Gruppierung ja grösser geworden. Dann bringen die 100 grains Spitzen nichts und du bringst den Bogen wieder zurück in die Einstellung für die 80 grains Spitzen. Du hast dir doch Notizen darüber gemacht, oder etwa nicht? Aber vielleicht ist die Gruppierung besser geworden. Was jetzt? Jetzt machen wir das Ganze im Wind und bei Regen. Des klingt nach ziemlich viel Aufwand und ist es natürlich auch. Aber wer Spitzenleistungen erreichen möchte, der kommt nicht umhin diesen Aufwand zu treiben, sich Notizen zu machen, Änderungen auszuwerten und vor allem ehrlich zu sich selbst zu sein.