Immer am gleichen Punkt zum Anker kommen

Ein Artikel von Falk Thiele:

Im letzten Beitrag hatte ich über das Evolution Release von Carter geschrieben, von dem viele Weltklasse-Schützen ebenfalls begeistert sind. Dieses Release hat die Eigenschaft, nur auf Zug zu öffnen. Und hier haben einigevon Ihnen schon ein paar Probleme.

In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie diese lösen können. In verschiedenen Gesprächen hat sich herausgestellt, dass viele ein unterschiedliches Empfinden für das Lösen mit diesem Release haben. Einige haben bemängelt, dass dieses Release zu unterschiedlichen Zeitpunkten öffnet. Daraufhin habe ich einige dieser Release genommen und auf meiner Digitalwaage gemessen. Das Release geht immer zum gleichen Zeitpunkt auf. Warum empfinden dann verschiedene Bogenschützen ein unterschiedliches Auslösen? Nun, ich habe mir daraufhin die Bogenschützen beim Schiessen angesehen und konnte feststellen, dass diese ihren Bogen unterschiedlich spannen. In diesem Falle haben wir dann natürlich ein Problem. Denn wie wir wissen sollten, muss ich immer am gleichen Punkt zum Anker kommen. Wenn ich nämlich meinen Vollauszug (Weg vom Vorzielen bis zum Anker) unterschiedlich durchführen, dann kann es passieren, dass ich zu früh in den Anker gehe, also bevor die Kabel am Anschlag der Rolle angelangt sind. Wenn dies passiert, muss ich natürlich länger ziehen, bis das Release öffnet, da es wesentlich länger dauert, bis das Release den notwendigen Widerstand durch die Rollen und Kabel erfährt.

Gehen wir davon aus, dass ein Schütze seinen Bogen auf 55 lbs eingestellt hat und 65 Prozent Letoff hat, dann muss der Schutze nur ca.19,25 lbs im Anker halten. Wenn ich nun mein Release auf ca. 22 lbs eingestellt habe, dann muss ich nur ca. drei lbs Rückzug aufbringen, bis das Release öffnet. Wer aber vor dem Anschlag mit dem Vollauszug stoppt, der muss einen viel längeren Weg ziehen um an die 22 lbs heran zu kommen. Dabei zittert meist der ganze Bogenarm und man verreisst den Schuss, da man nicht mehr ruhig in die Scheibenmitte zielen kann. Einige Schützen haben bemängelt, dass dies Release zu früh aufgeht.  Manche haben im Anker nur den Daumen weggenommen und schon ging es auf, ohne dass man schon damit anfangen konnte, eine vernünftige  Rückenspannung aufzubauen. Tja, auch hierfür gibt eine logische Erklärung. Wenn mein Bogen  in Minimumgewicht (Tal) von 19,25 lbs hat und ich aber nicht am Anschlag aufhöre zu ziehen und meinen Anker fixiere, dann ziehe ich weit über das Tal hinaus und gehe Gefahr, dass ich in die Wand ziehe (Wand = Weg nach dem Anschlag der Rollen an den Kabel). Dabei erhöht sich die Zugkraft unproportional zu dem Weg, d.h. dass ca. fünf Millimeter Zug in die Wand schon 2,5 lbs ausmachen können.

Ich wäre dann also schon bei 21,75 lbs und dann wäre der Weg für die Rückensspannung extrem kurz. Manche ziehen aber noch weiter und überschreiten dann das eingestellte Lösegewicht des Releases, was dazu führt, dass dies sofort beim Wegnehmen des Sicherungshebels auslöst. Aber wie kommt es zu einem zu frühen Stoppen im Anker oder dazu, dass man zu weit in die Wand zieht, also den Bogen zu weit spannt? Nun die Antwort ist auch ganz einfach. Aufgrund der Tatsache, dass man im Anker nur ein Zuggewicht eines Kinder-Recurvebogens fühlt kommt es natürlich schnell dazu, dass man im Anker das Gefühl für den 100%igen Auszug schon mal verlieren kann. So nun haben wir tolle Mängel erkannt. Doch wie beheben wir sie? Alle, die schon länger Compound schiessen und meine Berichte fleissig gelesen haben, können sich schon vorstellen, was jetzt kommt. Früher hatten wir runde Rollen mit einem sehr schwammigen Anschlag hinten und einem wahnsinnigen langen Tal. Kaum einer fühlte wirklich, wo die Talmitte war. Aus diesem Grunde ging man wie folgt vor: Man spannte den Bogen so lange, bis man mit einer Zugwaage die Talmitte [maximale Zugkraftreduzierunq im Anker - Endanschlag der Rollen) ermittelt hatte, dann zog man mit einem weissen Farbstift eine gerade Linie, in Höhe der Visierlinie über die Kabel. Da die Kabel beim Vollauszug gegenläufig aufeinander zulaufen, brauchte man nun nur noch beim Vollauszug darauf achten, dass man seinen Bogen nur solange spannt, bis beide Markierungen parallel stehen, dann stoppte man den Vollauszug und ankerte. Nun war ich mir immer gewiss, dass ich  immer vom gleichen Punkt aus meine Rückenspannung aufbaue. Ähnlich wie ein Recurveschütze, der beim Vollauszug auf die Klickerspitze achtet. Heutzutage ist es natürlich viel einfacher den Anschlag zu spüren, aber auch hier haben einige kräftige Bogenschützen noch Probleme, immer den gleichen Punkt zu finden, was auf Grund des geringen Zuggewichts im Anker auch nachvollziehbar ist. Das gleiche können wir also auch heute ran. Wir spannen unseren Bogen bis Talmitte. Dann markieren wir beide Kabel in Höhe der Visierlinie, um beim Zielen die Markierungen sehen zu können, ohne den Kopf aus der Visierlinie zu bringen. Dann stellen wir das Release ca. zwei bis drei lbs schwerer ein. Und schon haben wir das Problem gelöst. Die Messung sollte immer mit einer sehr genauen Bogenwaage durchgeführt werden, um sich nachher auch sicher zu sein. Ab dem Anker bis zum Lösen, sollten in der Regel nicht mehr als zwei bis drei Sekunden vergehen, daher im Klartext: Anker - zielen und ziehen und zwar gleichmässig und aggressiv, sonst löst sich der Schuss nicht. Merke: wer nicht zieht, der nicht gewinnt. Wenn man den Bogen und das Evolution so eingestellt hat, dann dürfte es auch keine Probleme mehr geben. Nur zur Info, der erste deutsche Schütze, der damit erfolgreich war, heisst Thomas Hasenfuss und hat Bronze auf einem Weltcup geholt, obwohl es windig war. Wenn ich nämlich aus einer guten Rückenspannung löse, stehe ich bei Wind viel ruhiger, da die Muskeln viel angespannter sind, als bei demjenigen, der spannungslos im Wind nur abdrückt.